NACHTSCHICHT IN DEN ALPEN: ZWISCHEN WOLF UND HERDE

Wir sind im Juni, es ist kurz vor 22 Uhr auf den Almen des Schweizer Wallis. Die Temperatur fällt, die letzten Geräusche des Tages verschwinden im Dunkel der Berge. Auf einer abgelegenen Alp sitzen zwei Menschen am Rand einer Weide. Vor ihnen: eine ruhige Herde. Hinter ihnen: Berge und Wald. Sie sprechen leise, beobachten aufmerksam jede Bewegung und richten die Lichtkegel ihrer Stirnlampen immer wieder in die Dunkelheit. Die Nacht hat gerade erst begonnen.immer wieder in die Dunkelheit. Die Nacht hat gerade erst begonnen.

Wenn in Europa über Wölfe gesprochen wird, geht es oft um Konflikte. Um gerissene Schafe, politische Debatten, Forderungen nach strengeren Schutzmaßnahmen. Die Diskussionen sind laut, emotional und häufig polarisiert. Doch weit entfernt von Schlagzeilen und sozialen Medien verfolgt OPPAL - Organisation pour la Protection des Alpages (Organisation zum Schutz der Alpweiden) einen anderen Ansatz.

Sie organisiert freiwillige Nachtwachen auf Alpweiden, um Übergriffe auf Herden präventiv zu verhindern. Dabei verbringen die Freiwilligen die Nacht bei den Tieren, bewegen sich über die Weiden, beobachten die Umgebung und werden aktiv, wenn es notwendig wird.

„OPPAL möchte Menschen rund um ein gesellschaftlich kontroverses Thema zusammenbringen“, sagt Jérémie Moulin, Direktor von OPPAL. „Wir wollen ein gemeinsames Verständnis zwischen den Menschen schaffen, den Hirten und Landwirten mit ihren Herdentieren, der breiten Öffentlichkeit und Naturschutzorganisationen.“ Was zunächst wie ein reines Herdenschutzprojekt wirkt, ist längst mehr geworden: ein Netzwerk aus Menschen aus Wissenschaft, Weidewirtschaft, Naturschutz und ehrenamtlichem Engagement, das versucht, Koexistenz praktisch umzusetzen.

Präsenz als Schlüssel

Jérémie verbrachte selbst Nächte auf einer Schafalp und beobachtete mit Wärmebildgeräten die Interaktionen zwischen Wölfen und Herden. „Nach einigen Nächten habe ich schnell gemerkt, wie belastend diese Arbeit sein kann“, erzählt er. Gemeinsam mit anderen entstand daraus die Idee, ein Netzwerk aus Freiwilligen aufzubauen, die sich bei den Nachtwachen abwechseln.

Heute engagieren sich Hunderte Menschen für OPPAL. Sie kommen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten: Studierende, Pensionierte, Naturliebhaberinnen, Menschen aus Städten und Bergregionen. Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Man weiß, warum man dort ist – und man sieht direkt, welchen Unterschied die eigene Präsenz macht“, beschreibt ein Freiwilliger die Motivation.

Die Nächte folgen keinem festen Ablauf. Manche bleiben ruhig, andere verlangen höchste Aufmerksamkeit. Die Teams arbeiten in Zweierschichten, patrouillieren regelmäßig über die Weiden und beobachten die Tiere. „Mit Wärmebildgeräten entdeckt man eine völlig neue Welt. Selbst eine ruhige Nacht wird plötzlich faszinierend“, erklärt eine Freiwillige. Dann mit der Dunkelheit verändert sich die Wahrnehmung. „Nachts sieht man weniger, dafür verlässt man sich viel stärker auf die anderen Sinne. Man achtet viel bewusster auf Geräusche und Bewegungen.“  

Die Verantwortung wird spürbar. Jede Bewegung der Herde, jedes Geräusch im Wald kann relevant werden. Kommunikation und Vertrauen innerhalb der Teams sind entscheidend. Und manchmal ändert sich eine Situation innerhalb von Sekunden.

Dann kommen starke Lampen zum Einsatz. Licht dient dann nicht nur der Orientierung, sondern wird zum Werkzeug. Bei sogenannten „Scares“ – gezielten Abschreckungsaktionen – werden Wölfe mit Licht, Geräuschen und Bewegung auf Distanz gehalten.

Licht in der Dunkelheit

Neben dem Einsatz in kritischen Situationen ermöglicht der Einsatz von Licht den freiwilligen Helfern, sich sicher im Gelände zu bewegen und die Herde gut im Blick zu haben. Dabei spielt die Verlässlichkeit der Lampen eine zentrale Rolle, sagt ein Freiwilliger: „Man fragt sich nicht, ob die Lampe funktioniert. Man weiß, dass sie es tut.“ Je nach Situation kommen unterschiedliche Lichtquellen zum Einsatz. Rotlicht ermöglicht diskrete Bewegungen, ohne die Herdentiere unnötig zu stören. In Gefahrensituationen werden extrem leistungsstarke Lampen eingesetzt.

Doch Licht bekommt in den Nächten auf den Alpen noch eine weitere Bedeutung. „Nachts wird eine Lampe schnell zu einem Orientierungspunkt“, erklärt ein Landwirt. Denn ein Lichtkegel in der Dunkelheit zeigt: Jemand ist da und kümmert sich um die Herde.

Anfangs wäre er gegenüber dem Projekt skeptisch gewesen, gibt der Landwirt zu. Er glaubte nicht, dass die Freiwilligen den Bedingungen am Berg standhalten würden. Dann kamen die ersten regnerischen Nächte. Immer wieder stand er auf und sah die Lichtkegel der Stirnlampen über die Weide wandern. „Ich dachte nur: Unglaublich, was diese Menschen hier leisten“, erinnert sich der Landwirt. Seitdem begrüßt er die Teams nach ihren Nachtwachen jeden Morgen mit heißem Kaffee in seiner Hütte, in der er dank der Helfer seine Nachtruhe verbringen konnte.

Mehr als Herdenschutz

OPPAL versteht sich längst nicht mehr nur als Organisation für Nachtwachen. Aus dem praktischen Herdenschutz ist über die Jahre ein breiterer Ansatz entstanden, der Wissenschaft, Bildungsarbeit und Dialog miteinander verbindet. „Statt uns in endlosen politischen Debatten zu verlieren, konzentrieren wir uns darauf, pragmatische Lösungen zu entwickeln, die Koexistenz in der Praxis möglich machen“, resümiert Jérémie.

So sammelt OPPAL Daten für wissenschaftliche Projekte und entwickelt Bildungsprogramme für Schulen, um langfristig Verständnis für das Zusammenleben von Mensch, Herdentier und Wildtier zu schaffen. „Bildung hilft uns dabei, uns von einem mythischen Bild des Wolfs zu lösen und wieder zu einem sachlichen, biologischen Verständnis des Tieres zurückzukehren“, erklärt Jérémie.

Koexistenz als tägliche Arbeit

Mit dem ersten Licht des Tages endet die Nachtwache. Die Stirnlampen werden ausgeschaltet, die Herde setzt sich langsam in Bewegung. Es ist ein unspektakulärer Morgen. Genau darin liegt der Erfolg dieser Nacht. Kein gerissenes Tier. Keine hektischen Funksprüche. Keine Eskalation. Der Hirte übernimmt wieder die Herde, begrüßt die Freiwilligen, während Müdigkeit und kalte Nachtluft noch in ihren Gesichtern hängen. Die Freiwilligen gehen nach Hause mit Müdigkeit in den Knochen, aber auch mit dem Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.

Denn die Nächte auf den Almen handeln nicht nur von Wölfen oder Herdenschutz. Sie erzählen davon, wie Menschen Verantwortung übernehmen – für Tiere, für Landschaften und füreinander. Und davon, dass Koexistenz nicht entschieden wird. Sondern Nacht für Nacht gelebt werden muss. 



NACHTSCHICHT IN DEN ALPEN: ZWISCHEN WOLF UND HERDE

Wir sind im Juni, es ist kurz vor 22 Uhr auf den Almen des Schweizer Wallis. Die Temperatur fällt, die letzten Geräusche des Tages verschwinden im Dunkel der Berge. Auf einer abgelegenen Alp sitzen zwei Menschen am Rand einer Weide. Vor ihnen: eine ruhige Herde. Hinter ihnen: Berge und Wald. Sie sprechen leise, beobachten aufmerksam jede Bewegung und richten die Lichtkegel ihrer Stirnlampen immer wieder in die Dunkelheit. Die Nacht hat gerade erst begonnen.

immer wieder in die Dunkelheit. Die Nacht hat gerade erst begonnen. Wenn in Europa über Wölfe gesprochen wird, geht es oft um Konflikte. Um gerissene Schafe, politische Debatten, Forderungen nach strengeren Schutzmaßnahmen. Die Diskussionen sind laut, emotional und häufig polarisiert. Doch weit entfernt von Schlagzeilen und sozialen Medien verfolgt OPPAL - Organisation pour la Protection des Alpages (Organisation zum Schutz der Alpweiden) einen anderen Ansatz.

Sie organisiert freiwillige Nachtwachen auf Alpweiden, um Übergriffe auf Herden präventiv zu verhindern. Dabei verbringen die Freiwilligen die Nacht bei den Tieren, bewegen sich über die Weiden, beobachten die Umgebung und werden aktiv, wenn es notwendig wird.

„OPPAL möchte Menschen rund um ein gesellschaftlich kontroverses Thema zusammenbringen“, sagt Jérémie Moulin, Direktor von OPPAL. „Wir wollen ein gemeinsames Verständnis zwischen den Menschen schaffen, den Hirten und Landwirten mit ihren Herdentieren, der breiten Öffentlichkeit und Naturschutzorganisationen.“ Was zunächst wie ein reines Herdenschutzprojekt wirkt, ist längst mehr geworden: ein Netzwerk aus Menschen aus Wissenschaft, Weidewirtschaft, Naturschutz und ehrenamtlichem Engagement, das versucht, Koexistenz praktisch umzusetzen.

Präsenz als Schlüssel

Jérémie verbrachte selbst Nächte auf einer Schafalp und beobachtete mit Wärmebildgeräten die Interaktionen zwischen Wölfen und Herden. „Nach einigen Nächten habe ich schnell gemerkt, wie belastend diese Arbeit sein kann“, erzählt er. Gemeinsam mit anderen entstand daraus die Idee, ein Netzwerk aus Freiwilligen aufzubauen, die sich bei den Nachtwachen abwechseln.

Heute engagieren sich Hunderte Menschen für OPPAL. Sie kommen aus unterschiedlichsten Lebensrealitäten: Studierende, Pensionierte, Naturliebhaberinnen, Menschen aus Städten und Bergregionen. Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Man weiß, warum man dort ist – und man sieht direkt, welchen Unterschied die eigene Präsenz macht“, beschreibt ein Freiwilliger die Motivation.

Die Nächte folgen keinem festen Ablauf. Manche bleiben ruhig, andere verlangen höchste Aufmerksamkeit. Die Teams arbeiten in Zweierschichten, patrouillieren regelmäßig über die Weiden und beobachten die Tiere. „Mit Wärmebildgeräten entdeckt man eine völlig neue Welt. Selbst eine ruhige Nacht wird plötzlich faszinierend“, erklärt eine Freiwillige. Dann mit der Dunkelheit verändert sich die Wahrnehmung. „Nachts sieht man weniger, dafür verlässt man sich viel stärker auf die anderen Sinne. Man achtet viel bewusster auf Geräusche und Bewegungen.“

Die Verantwortung wird spürbar. Jede Bewegung der Herde, jedes Geräusch im Wald kann relevant werden. Kommunikation und Vertrauen innerhalb der Teams sind entscheidend. Und manchmal ändert sich eine Situation innerhalb von Sekunden.

Dann kommen starke Lampen zum Einsatz. Licht dient dann nicht nur der Orientierung, sondern wird zum Werkzeug. Bei sogenannten „Scares“ – gezielten Abschreckungsaktionen – werden Wölfe mit Licht, Geräuschen und Bewegung auf Distanz gehalten.

Licht in der Dunkelheit

Neben dem Einsatz in kritischen Situationen ermöglicht der Einsatz von Licht den freiwilligen Helfern, sich sicher im Gelände zu bewegen und die Herde gut im Blick zu haben. Dabei spielt die Verlässlichkeit der Lampen eine zentrale Rolle, sagt ein Freiwilliger: „Man fragt sich nicht, ob die Lampe funktioniert. Man weiß, dass sie es tut.“ Je nach Situation kommen unterschiedliche Lichtquellen zum Einsatz. Rotlicht ermöglicht diskrete Bewegungen, ohne die Herdentiere unnötig zu stören. In Gefahrensituationen werden extrem leistungsstarke Lampen eingesetzt.

Doch Licht bekommt in den Nächten auf den Alpen noch eine weitere Bedeutung. „Nachts wird eine Lampe schnell zu einem Orientierungspunkt“, erklärt ein Landwirt. Denn ein Lichtkegel in der Dunkelheit zeigt: Jemand ist da und kümmert sich um die Herde.

Anfangs wäre er gegenüber dem Projekt skeptisch gewesen, gibt der Landwirt zu. Er glaubte nicht, dass die Freiwilligen den Bedingungen am Berg standhalten würden. Dann kamen die ersten regnerischen Nächte. Immer wieder stand er auf und sah die Lichtkegel der Stirnlampen über die Weide wandern. „Ich dachte nur: Unglaublich, was diese Menschen hier leisten“, erinnert sich der Landwirt. Seitdem begrüßt er die Teams nach ihren Nachtwachen jeden Morgen mit heißem Kaffee in seiner Hütte, in der er dank der Helfer seine Nachtruhe verbringen konnte.

Mehr als Herdenschutz

OPPAL versteht sich längst nicht mehr nur als Organisation für Nachtwachen. Aus dem praktischen Herdenschutz ist über die Jahre ein breiterer Ansatz entstanden, der Wissenschaft, Bildungsarbeit und Dialog miteinander verbindet. „Statt uns in endlosen politischen Debatten zu verlieren, konzentrieren wir uns darauf, pragmatische Lösungen zu entwickeln, die Koexistenz in der Praxis möglich machen“, resümiert Jérémie.

So sammelt OPPAL Daten für wissenschaftliche Projekte und entwickelt Bildungsprogramme für Schulen, um langfristig Verständnis für das Zusammenleben von Mensch, Herdentier und Wildtier zu schaffen. „Bildung hilft uns dabei, uns von einem mythischen Bild des Wolfs zu lösen und wieder zu einem sachlichen, biologischen Verständnis des Tieres zurückzukehren“, erklärt Jérémie.

Koexistenz als tägliche Arbeit

Mit dem ersten Licht des Tages endet die Nachtwache. Die Stirnlampen werden ausgeschaltet, die Herde setzt sich langsam in Bewegung. Es ist ein unspektakulärer Morgen. Genau darin liegt der Erfolg dieser Nacht. Kein gerissenes Tier. Keine hektischen Funksprüche. Keine Eskalation. Der Hirte übernimmt wieder die Herde, begrüßt die Freiwilligen, während Müdigkeit und kalte Nachtluft noch in ihren Gesichtern hängen. Die Freiwilligen gehen nach Hause mit Müdigkeit in den Knochen, aber auch mit dem Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.

Denn die Nächte auf den Almen handeln nicht nur von Wölfen oder Herdenschutz. Sie erzählen davon, wie Menschen Verantwortung übernehmen – für Tiere, für Landschaften und füreinander. Und davon, dass Koexistenz nicht entschieden wird. Sondern Nacht für Nacht gelebt werden muss. 

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